Wie groß sind die Auswirkungen der Digitalisierung aufs Handwerk?
25.10.2023 Experten-Wissen HOLZ-HANDWERK

Wie groß sind die Auswirkungen der Digitalisierung aufs Handwerk?

Digitalisierte Handwerksbetriebe kommunizieren anders, sie planen anders und sie arbeiten anders als nicht digitalisierte Handwerksbetriebe.

Foto eines Mannes, der am Computer arbeitet

Digitalisierte Handwerksbetriebe kommunizieren anders, sie planen anders und sie arbeiten anders als nicht digitalisierte Handwerksbetriebe. Ohne eine grundlegende Erneuerung der oft über viele Jahre gewachsenen IT-Infrastruktur ist dies kaum möglich. Eine Tatsache, die vielen Unternehmern den Einstieg erschwert und die Bereitschaft in Investitionen bremst.

PC, Server und Lizenz-Software oder Smartphone, Apps und Cloud-Lösung – oder alles zusammen? Darüber, was eine sinnvolle Basis für die erfolgreiche Digitalisierung im Handwerksbetrieb darstellt und wie zukunftsfest oder „old school“ die unterschiedlichen Technologien sind, wird in Unternehmer:innen kreisen interessanterweise immer noch kontrovers gesprochen.

Und überhaupt: Wer soll sich da ohne Technologiekenntnisse und entsprechende Informationen noch zurechtfinden? Schließlich sorgen (noch) gut gefüllte Terminkalender möglicherweise bei so manchen Unternehmer:innen im Handwerk für das Gefühl: Digitalisierung? Brauch ich nicht!

 

Bedeutet analoges Arbeiten im Handwerk den Untergang?

Wie wichtig ist Digitalisierung wirklich? Und stehen Betriebe ohne Digitalisierung vor dem Aus, wie es so oft prophezeit wird? Gregor Müller, der mit seinem Start-up Synatos die Handwerker-Software Das Programm entwickelt hat, hält das „für Unsinn“.

In einem Interview mit dem Handwerk-Magazin betonte er explizit die nach wie vor entscheidende Bedeutung von guten Abläufen und Prozessen im Betrieb: Voraussetzung für die Wirksamkeit der Digitalisierung sei, dass jeder weiß, was zu tun ist, und dass die Zusammenarbeit gut eingespielt funktioniert. Dann können digitale Arbeitsweisen ihr Potenzial entfalten, einen Booster-Effekt und Mehrwerte für alle Beteiligten – vom Chef über die Mitarbeiter bis hin zu den Kunden – bringen.

Die für Digitalisierung notwendige Technologie aus Apps und cloudbasierten Anwendungen ist lediglich die Maschinerie, die es ermöglicht, jederzeit und überall Daten – sei es manuell oder automatisch – zu erfassen, zu speichern und auszuwerten und auf das so entstehende vernetzte Wissen genauso orts- und zeitunabhängig und selbstständig zurückzugreifen. Das ist etwas völlig anderes, als Rapportzettel, Lieferscheine, Angebote oder Eingangsrechnungen nach Feierabend in die Tastatur zu „hacken“.

 

Wo liegen die Herausforderungen in der Digitalisierung und der Vernetzung?

Gemäß einer Untersuchung des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) und dem Branchenverband der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche (BITKOM) gehört die Digitalisierung mit 64 Prozent zu den größten Herausforderungen der befragten Betriebe.

Das Thema wird von der großen Mehrheit aufgeschlossen betrachtet (83 Prozent) und im Prinzip durchaus als Chance wahrgenommen (77 Prozent). Als Minuspunkte werden allerdings hohen Investitionskosten (71 Prozent), die Sorge um die IT- und Datensicherheit (65 Prozent) sowie eine unzureichende Versorgung mit schnellem Internet gesehen.

 

Wie gut wird die digitale Transformation schon umgesetzt?

Knapp über die Hälfte der Betriebe (55 Prozent) sagt: Digitalisierung sichert die Existenz unseres Unternehmens! Mit der proaktiven Nutzung der damit verbundenen Chancen sieht es aber nicht ganz so prächtig aus: Nur 30 Prozent bieten infolge ihrer Digitalisierung auch neue Produkte bzw. Dienstleistungen an.

Auf der anderen Seite hat sich das Anspruchsverhalten der Handwerkskund:innen deutlich verändert. Zwischen 77 und 97 Prozent der Betriebe wissen: Kunden erwarten heute

  • eine schnelle Rückmeldung,
  • eine schnelle Lieferung von Produkten,
  • individuelle(re) Angebote,
  • TOP-Preisangebote und
  • ständige Erreichbarkeit bzw. Verfügbarkeit.

Aber: Lediglich rund 40 Prozent der Betriebe sind in sozialen Medien aktiv, um diesen Ansprüchen nach Sichtbarkeit im Internet, Information, Transparenz, umfassendem Service und schneller Kommunikation gerecht zu werden. Und nur 27 Prozent haben einen Eintrag auf einer Bewertungsplattform oder nutzen Online-Plattformen für Aufträge und Termine.

 

Was liegt bei der Digitalisierung im Argen?

Als konkretes Problem sagen rund vier Fünftel der Unternehmer:innen, dass die auf dem Markt verfügbaren Technologien für den eigenen Bedarf schlichtweg überdimensioniert sind. Für mehr als die Hälfte (54 Prozent) sind sie auch zu teuer.

Die Förderprogramme von Bund und Ländern sollen hier einen Weg anbieten, aber 97 Prozent der Befragten halten die Beantragung von Fördergeldern für zu bürokratisch. Eine Folge dessen: Nur 26 Prozent nutzen Förderprogramme konsequent für die digitale Transformation. Dazu sagt Bitkom-Geschäftsleiter Niklas Veltkamp: „Vor allem kommt es auch auf die Handwerksunternehmen selbst an: Wer digitalisieren will, muss loslegen.“

 

Was wird gebraucht?

Handwerksunternehmer:innen benötigen ein cloudbasiertes Cockpit für ihr Tagesgeschäft. Damit bekommen sie immer und ganz einfach den Überblick über den Status ihrer Aufträge und Baustellen. Das ist auch nötig bei den vielen Informationen und Unterlagen vom Erstkontakt mit einem Kunden bis zur Projektübergabe, von der Archivierungspflicht darüber hinaus ganz zu schweigen.

Die Möglichkeit zu digitaler Zusammenarbeit sorgt für aktuelle Projektdaten, auf die alle Beteiligten im Rahmen ihrer Arbeit Zugriff haben können. Hier spielt die digitale Bauakte eine enorme Rolle, die enorm Arbeit spart und Gewissheit darüber schafft, wo man Wichtiges wiederfindet – ohne lange suchen zu müssen.

Auch Systeme für Mobile Payment zur Abrechnung von Kleinaufträgen direkt beim Kunden vereinfachen den Arbeitsalltag: Rapport erfassen, Rechnung je nach Kundenwunsch auf Papier oder digital ausgeben, Betrag bar, per Karte oder Internetbanking bezahlen lassen. Verbucht wird das im Idealfall automatisch. Interne Belege sind digital, die muss keiner mehr „anfassen“.

Was die Unternehmer:innen unbedingt brauchen, sind Technologie-Dienstleister, die neben den wirklich handwerksgerechten, einfach zu bedienenden und cloudbasierten Lösungen bei Bedarf auch den nötigen Support und aktive Unterstützung anbieten. Der Dienstleister muss sich also aktiv für die Anforderungen seiner Handwerkskund:innen interessieren.

Aber auch die Handwerksunternehmer:innen selbst sollten dem Thema die ihm zukommende Bedeutung zumessen. Also: sich damit beschäftigen, was sinnvoll digitalisiert werden kann und welche Lösungen es dafür gibt. Der direkte Dialog mit Branchenkolleg:innen und IT-Dienstleistern sorgt für Inspiration und einen breiteren Überblick.

Auf der FENSTERBAU FRONTALE + HOLZ-HANDWERK 2024 diskutieren Handwerksunternehmer:innen und Expert:innen mit unterschiedlichen Sichtweisen und Erfahrungen, wie (und ob) Digitalisierung im Handwerk wirklich funktioniert bzw. wie nötig und wie tief sie in den Betrieben angekommen ist: DAS ROTE SOFA: Wie tief wirken Digitalisierung und Vernetzung wirklich in das Handwerk hinein? Freitag, 22. März 2024, von 14.00 bis 15.00 Uhr.

Alle Themen der Praxisinterviews und Diskussionen inklusive Uhrzeit und Informationen zu den Teilnehmer:innen finden Sie im Veranstaltungsplan des Forums DIGITALISIERUNG PRAKTISCH GESTALTEN für das Handwerk vom 19. bis 22. März 2024.

Autor

Porträt von Jasmin McNally

Jasmin McNally

NürnbergMesse GmbH